CD-Kritik: Fotos - Fotos
Man sieht sich versucht, zu Beginn erst einmal Skepsis walten zu lassen. Ein Debütalbum einer jungen aufstrebenden Band hat man da also vor sich liegen, und dessen Opener wurde betitelt mit den Worten: „Komm zurück“. Liebeskummersongs aber gibt es auf dem deutschen und internationalen Markt doch nun wirklich genug. Und was eine nicht näher zu erwähnende Band mit gewisser Affinität zu Hotels in Tokio dabei regelmäßig an dubiosen Textwolken auf die Teenie-Welt loslässt, das hat man aufgrund Dauerbeschallung im Radio schon ein paar Mal zu oft feststellen müssen. „Komm und rette mich, ich erfriere innerlich“. Bla Blubb. Da lehnt man lieber dankbar ab. Es soll sich jedoch auszahlen, wenn man, dem anfänglichen Reflex nicht folgend, eben doch mal probeweise reinhört in den ersten Track und plötzlich konfrontiert wird mit einem vorbildlich stark nach vorne treibenden Song, ohne jegliche Kitschuntermalung, sondern mittendrin im Leben: „Ich hab’ gedacht dass dieses Jahr etwas Neues passiert, aber was hat ein Verlierer wenn er nicht mal mehr verliert?“ Ein wunderbarer Einstieg auch, um die Stimme von Leadsänger Tom Heßler kennen zu lernen. „Energisch“ ist hier eindeutig das richtige Wort, ein gutes Adjektiv wäre außerdem auch „kredibel“.
Ruhepausen scheinen nicht eingeplant. Das stark desillusioniert vorgetragene „So fremd“ über zwei einst Verliebte, die inzwischen nur noch müde sind, „sie fühlen nichts mehr, außer der Leere, die fühlen sie sehr“, macht dies deutlich. Das mag sich in der Wortwahl ganz furchtbar banal anhören, alltäglich sogar, nicht gerade auf Poesie versteift. Aber wenn man diese Band erst einmal dazu aufspielen hört, mit rohem und dennoch auf höchstem Niveau vorgetragenem Sound sowie einem Sänger, der derart entfesselt die Frontsau gibt, dass auch „Madsen“ mit ihrer Kreisch-Single „Nachtbaden“ einpacken können; dann versteht man, dass eben diese Wortwahl wohl das einzig Richtige ist. Der Kurs wird gehalten. „Ich bin für dich da, besser das als weniger“ heißt es in „Ich bin für dich da“. Man will auch aufgrund der textlich hervorragenden Strophen spätestens ab diesem Zeitpunkt nicht mehr daran zweifeln: Was diese Band singt, das meint sie auch.
Wenn man das Album schon ein paar mal gehört hat, mag einem bei Track 4 eventuell das erste Mal dämmern, dass die vier Feder führenden Jungs da allen Ernstes schon vier Songs lang über nichts anderes singen als über Herzschmerz, Beziehungskram und damit zusammenhängend eben auch über Liebes- und gleichzeitig Lebenskummer; und dass einem das Ganze trotzdem noch nicht langweilig geworden ist. Das wird sich auch in „Viele“ nicht ändern, die musikalische Untermalung jedoch ändert sich sehr wohl. Zum ersten Mal kehrt ein wenig Ruhe ein, während Hessler über Freund- und Liebschaften in seinem bisherigen Leben reflektiert und dabei Sehnsucht greifbar macht: „Ich hab’ dich überall gesucht, weil ich nicht mehr weiter weiß, und du über allem stehst, was ich war.“ Gen Ende sind die Instrumente dann doch wieder verzerrt, stehen für dreißig Sekunden ganz allein im Raum und scheinen dabei fast ein wenig ehrfürchtig, in Erwartung dessen was da gleich kommen wird. Denn was da gleicht kommt, das ist ein Meisterstück.
Mit „Giganten“ hätten Fotos einen besseren Songtitel nicht wählen können. Dieser Song ist ein Gigant. Zunächst unscheinbar leise beginnend mündet er kurz darauf in einen einzigen riesigen Bastard von Refrain, den man als solchen aufgrund seiner Länge schon kaum mehr bezeichnen möchte und der textlich mal eben alles an die Wand stellt, was da noch so kreuchen und fleuchen möchte. Es ist mir selten ein Song untergekommen, der zielstrebiger und eleganter Lebensfreude fühlbar macht. Ein schöneres Plädoyer für das Ideal der wahren und alles überdauernden Freundschaft muss auf dem deutschen Musikmarkt erst noch gefunden werden. „Ich will wissen wie es geht, wohin das Leben dich führt, will nicht nur hören was du hast, sondern was dich berührt.“ Wollte ich diesem Lied ansatzweise gerecht werden, ich müsste diesen Text hier mit Kniefall schreiben. „So müssen sich doch die Giganten fühlen.“ Bildsprache-Olymp, here we go.
Zeitgleich ist „Giganten“ aber auch der ruhende Pol in einem Becken voll äußerster Emotionen. „Du löst Dich auf“ hat mit dem vorhergehenden Mantra über das äußerste Glück nicht mehr viel zu tun, es geht zurück auf die Schattenseite. Und Hessler kriegt somit erneute Gelegenheit dazu, seine Stimme unverwechselbar übersteuert klingen zu lassen, wenn er seelischer Kälte mit den Worten: „Und alle um dich rum können nichts für dich tun, sie lieben dich hassen dich, doch du bist gegen beides immun“ den Kampf ansagt. Das Gegenmittel wird verabreicht in einem einzigen Sprechgesang-Marathon namens „Wiederhole deinen Rhythmus“: „Also halt dich bei der Stange, es gibt Dinge die sind Muss, halt nicht an, bleib nicht stehen, wiederhole deinen Rhythmus“. Der Name ist erneut Programm. Es wird nicht angehalten. Die Gitarre treibt in einem einzigen Staccato an und das Schlagzeug peitscht trocken während die alles untermalende Basslinie eh keinen Zwischenstopp möglich erscheinen lässt.
„Na schön, du bist abgebrannt, erledigt, wohnst in vier Wänden aus Angst, kein Trick wird noch was ändern, knietief im Flitter und Ramsch“ wird einem schließlich in „Glücklich Eigentlich“ an den Kopf geworfen. Gesang ist das dann schon nicht mehr, es ist auch kein Rap. Schreien ist es schon eher. Kein Urschrei, kein Schrei der schmerzt. Sondern einfach nur ein Sänger, der in einer Bridge ohne Rücksicht auf wohlklingende Melodie ausbricht aus dem eigenen Song und feststellt dass manchmal einfach alles scheisse ist. Wunderbar das anfänglich vorgetragene „Na schön“, dass die folgenden Zeilen nicht etwa klingen lässt wie ein Loch aus dem es kein Entkommen mehr gibt, sondern viel eher nach Mutmache, frei nach dem Motto: „Dann suchen wir doch jetzt mal einen Weg hier raus, was? Wär ja Dreck wenn wir es einfach so bleiben lassen wie es ist.“ Der vorletzte Track des Albums ist ein einziger Orkan, und es schmerzt mich das so schreiben zu müssen, da ich weiß wie sehr diese Redewendung inzwischen bereits Standard in CD-Rezensionen sein mag. Und weil ich nicht aufhören kann, zu erahnen wie viel besser die „Fotos“ es wahrscheinlich hinbekommen hätten, den Charakter ihres Songs in Worte zu fassen.
Wenn „Glücklich Eigentlich“ aber ein Orkan ist, dann ist „Katharina“ ein Kissen. „Ich nehm’ meinen Lauf im Warten, darauf dass jemand kommt um mich zu halten“ wird hier mit getragenen Instrumenten im Hintergrund intoniert und wenn Hessler das so singt wie er es singt, dann hört sich Warten auf einmal gar nicht mehr an wie eine beschissene Pflicht, sondern drückt viel eher ganz viel Zuversicht aus. „Wir verschwinden im ersten Licht des Morgens, du gehst deiner Wege.“ Hier ruht jemand ganz in sich selbst. Und macht dabei außerdem deutlich, wie wenig depressiv dieses Debütalbum trotz seiner teilweise trostlos wirkenden Thematik eigentlich ist. In allem, was diese vier Jungs, mit so gar nicht nach hoffnungsvollen Stars klingenden Namen wie Thomas, Deniz, Frieder und Beppo ausgestattet, tun, bleibt Resignation meilenweit außen vor.
Nicht das Album an sich also ist traurig, sondern vielmehr seine Geschichte. Denn auch wenn es bereits im Jahr 2006 veröffentlicht worden ist, muss es doch bis zum heutigen Tage immer noch als ein absoluter Geheimtip herhalten. In den Charts lief die Musik, wenn denn überhaupt, nur unter ferner liefen. Das ist himmelschreiend ungerecht. Dabei schliesse ich mich selber nicht aus, habe doch auch ich diese Musik erst kürzlich kennen und schätzen gelernt. Ein wenig also ist diese Rezension vielleicht auch meine Katharsis. Ein zweites Album übrigens wurde März 2008 veröffentlicht, vielleicht gar ein wenig ironisch mit „Nach dem Goldrausch“ betitelt. Jener Goldrausch also, der den Fotos, so wünscht man sich das in der Retrospektive, für ihr erstes Album ohne Zweifel zugestanden hätte und leider ausgeblieben ist? Man wird sie selber fragen müssen.
„Fotos“, soviel sei jedenfalls abschließend der Deutlichkeit halber ein weiteres Mal mitgeteilt, ist schlichtweg das beste Fotoalbum dass käuflich erworben werden kann. Und das schreibe ich bei weitem nicht nur des schönen Wortspiels wegen, sondern es ist mein voller Ernst. Es haben sich in meinem Kopf nämlich schon lange nicht mehr so klare Bilder geformt wie beim Hören dieser erstklassig produzierten und vorgetragenen Musik, die in Deutschland nun aber mal wirklich lange genug ignoriert worden ist.
Kauf dir diese CD. „Und wenn du willst, lass nicht mehr los.“



