Schockstarre
Diese Kritik enthält keinerlei Spoiler und basiert auf der OV
Um No Country For Old Men gerecht zu werden, muss man zunächst einmal die richtigen Worte finden. Das ist kein leichtes Unterfangen. Zu majestätisch kommen die Satzkonstrukte unweigerlich daher, zu intensiv hat man beim Überfliegen der ersten geschriebenen Zeilen direkt das Gefühl, dass man zu dick aufgetragen hat; dass man mit solcherlei großen Worten jeglichen weiteren Versuch, in diesem Jahr noch großes Kino abzuliefern, ja beinahe schon im Voraus im Keim erstickt, anderen Filmen direkt jegliche Chance raubt. Es gibt zu gewissen Worten halt einfach irgendwann keine Steigerung mehr, nichts, dass man auf dem Papier noch angemessen ausdrücken könnte. Und einen Großteil eben dieser Wörter, den möchte man direkt verwenden, direkt aufbrauchen für das neue Meisterwerk der Coens. Für eine Geschichte, die so still und leise nach dir greift dass du zunächst gar nicht weißt wie dir geschieht. Bis dir, noch lange nach dem Abspann, klar wird: Ein bisschen bist du immer noch dort, in dieser Welt. Ganz lösen konntest du dich nicht davon.

Einer der Gründe hierfür nennt sich Anton Chigurh. Zwei Stunden lang haucht Javier Bardem dieser Figur Leben ein und er haucht mit sehr kaltem Atem. Der Name seines Charakters ist dabei eigentlich irrelevant, sämtliche Namen sind irrelevant in dieser Verfilmung einer Literaturvorlage aus der Feder von Cormac McCarthy. Überhaupt ist es irritierend, mit wie wenig Gehalt an Informationen der Film seinen Lauf geht, wie aktiv man dennoch Teil davon ist. Man könnte den eigentlichen Plot locker auf einen Bierdeckel schreiben. Llewelyn Moss findet im Jahr 1980 nahe dem Rio Grande, inmitten trostloser Landschaft gerade auf der Jagd nach Gabelböcken unterwegs, die Überreste eines fehlgeschlagenen Drogendeals und macht sich, inmitten all der Leichen und einem großen Vorrat an Drogenpaketen schnell die Abwesenheit eines Geldkoffers bemerkend, auf die Suche nach dem Last Man Standing. Als er ihn findet, ist auch jener inzwischen tot. Der Koffer in seiner Hand enthält zwei Millionen Dollar. Moss kratzt sich am Kopf, überlegt einige Sekunden lang sein weiteres Vorgehen und entschließt sich letzten Endes dazu, den Koffer an sich zu nehmen. Von diesem Moment an ist es schon beinahe vorhersehbar: Zwei Stunden lang wird er nun versuchen, sich und seine Frau mit dem neu gewonnenen Reichtum in Sicherheit zu bringen, dabei schnell dessen gewahr werdend dass Anton Chigurh seinen Spuren folgt. Als Erzähler aus dem Off und im Verlauf des Films auch als tatsächlich auf der Leinwand erscheinender Charakter fungiert hierbei von Zeit zu Zeit Sheriff Ed Tom Bell, alt an Dienstjahren und an der für ihn schon lange nicht mehr verständlichen Gewalt in seinem Land allmählich verzweifelnd. Er ist seinerseits auf der Jagd nach Chigurh und es fühlt sich nicht selten an wie Resignation. Nie erwähnt er den Namen des Killers; man erinnert sich unweigerlich an Harry Potter und die in seinem Umfeld stattfindende Bezeichnung Voldemorts als Du-weißt-schon-wer. Der letzte verzweifelte Versuch, das Unausweichliche handzahm zu machen, es zu verdrängen.
Javier Bardem kann man nicht verdrängen. Er sprengt die Leinwand. Dies gelingt ihm mit äußerst leisem Gift und mit einer derartigen Lust am Diabolischen und Undurchschaubaren, dass es keine weitere Erklärung braucht. Keine nähere Charakterisierung ist vonnöten, es muss nicht erst mit besonders unangenehmen Verbrechen aus seiner Vergangenheit deutlich gemacht werden, wieso man vor ihm besser Angst haben sollte; man weiß aus freien Stücken heraus ohne Zweifel, dass er der Eisberg ist, dessen Spitze Sheriff Ed Tom Bell so sehr die Freude an seinem Beruf zu nehmen scheint; nur das Schicksal kann vor ihm noch retten. Seine bevorzugte Tatwaffe ist ein Bolzenschussgerät, wie es normalerweise nur bei der Betäubung und Tötung von Schlachttieren verwendet wird. Und das ist nicht nur deswegen ein kluger Schachzug der Verantwortlichen, da es ihn direkt noch unmenschlicher macht, sondern auch aus einem anderen Grund: Schlachttiere sind machtlos, eine Fluchtmöglichkeit steht ihnen nicht ernsthaft offen, und Chigurhs Opfern geht es da nicht anders. Er wird im Lauf des Films der Existenz nicht weniger Menschen ein Ende setzen, und nur einer von ihnen setzt dabei ernsthaft einen Fluchtversuch in die Tat um. Alle anderen fügen sich, selbst wenn ihnen prinzipiell die Möglichkeit zur Flucht zur Verfügung stünde: sie sehen Chigurh in die Augen oder sie hören seine Stimme und scheinen bereits zu wissen, dass es aus ist. Helfen wird ihnen niemand, sie sind grundsätzlich allein: Chigurh scheint alles Leben von sich zu stossen. Man kann nicht eindrücklich genug betonen, mit was für einem sicheren Händchen Bardem dies alles meistert, wie perfekt er inszeniert wird und wie eng die Coens mit fortlaufender Dauer des Films das Netz spannen, aus dem sich die Gejagten zu winden versuchen. Ein Geschäftsmann zum Beispiel, unglücklich genug zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, spricht Chigurh, nachdem dieser sein primäres Opfer gerade getötet hat, mit den Worten Will you kill me? an und jener entgegnet: That depends. If you see me. Daraufhin wird die Szenerie gewechselt. Man muss nicht sehen, was geschieht. Es ist doch eh klar.

No Country For Old Men ist, so könnte man nun vermuten, ein sehr unangenehmer Film. Und in gewisser Hinsicht mag man damit wie ebenso mit der Behauptung, es sei der bisher brutalste Film der Coen Brothers, sicher auch richtig liegen. Dennoch gehen hier Regisseure an gegen einen sehr modern gewordenen Trend und beweisen derart gekonnt wie man es nur in seltenen Fällen vortrifft, dass man Gewalt auch ohne Draufhalten spürbar machen kann. Es ist tatsächlich so, dass Chigurhs Spur der Verwüstung sehr roh daherkommt, äußerst unbarmherzig und ganz sicher nicht harmlos. Dies geschieht unter der dem Film sehr gut stehenden ruhigen und stets gemächlichen Kameraführung Roger Deakins jedoch nur sehr selten im Fokus, oft nur außerhalb des Bildes, manchmal auch gar nicht im Bild. Seinen Thrill zieht dieser Film nicht aus einer Gewalt, die als Sensation zelebriert wird, sondern daraus, dass man sämtliche Charaktere des Films, außer Chigurh freilich, wie Insekten zappeln sieht. Zappeln sieht aus Panik vor dieser einen, scheinbar nicht rationalen, Bedrohung. Es ist als Beispiel hierfür insbesondere eine Szene zu erwähnen, die einen Tankstellenbesitzer mitten im Nirgendwo unverhofft auf Chigurh treffen lässt. Der sich zwischen ihnen entspannende Dialog über Nebensächlichkeiten ist bis zur Perfektion geschliffen und erschafft einige Minuten lang eine derart dichte Atmosphäre, dass man es vielleicht gar den stärksten Moment des ganzen Films nennen darf. Es steht von Anfang an fest, dass es inmitten all dieser Konversation für Chigurh eigentlich nur um die Frage geht, ob er diesen Menschen töten soll oder nicht, aus reiner Freude. Letztendlich lässt er den Tankstellenbesitzer eine Münze werfen, ohne erkennbaren Grund. Kopf oder Zahl? Als Zuschauer wissen wir wieso, und auch sein Gegenüber scheint es zumindest zu ahnen. Doch erneut: Es gibt kein Entkommen. Nicht aus eigener Kraft heraus. Die gesamte Komposition dieses Aufeinandertreffens ist zu perfekt als dass man hier ernsthaft dessen Ausgang verraten könnte. Dies kann aber als Bedeutungsschablone für das Gesamtkunstwerk genommen werden: No Country For Old Men ist nämlich eigentlich viel weniger eine Geschichte der Gewalt als eine Geschichte der Wehrlosigkeit und die Dokumentation eines Überlebenskampfes. Die Coens haben dabei nicht vor, es ihren Charakteren und ihren Zuschauern einfach zu machen; ihr Film gleicht einer einzigen Schockstarre. Und man lasse sich in diesem Zusammenhang bitte besonders den letzten Satz des Films auf der Zunge zergehen; ein Satz, der recht abrupt daher kommt und zunächst etwas stutzig macht: doch es könnte keinen Besseren geben.
Es sollte, nicht nur der Vollständigkeit halber, aber außer dem stellar agierenden Bardem auch dem restlichen Cast ein großes Lob zugesprochen werden. Insbesondere Josh Brolin als Moss, Kelly McDonald als seine Geliebte und Tommy Lee Jones als Sheriff kurz vor dem Ruhestand könnte man leicht unter den Tisch kehren, wenn sie doch unter Bardems übermächtigem Schatten als so machtlos erscheinen; nur wäre das nicht fair. Charakterisierungen und einen Einblick ihr Seelenleben erhalten wir von ihnen noch weit weniger als es bei Chigurh der Fall ist. Sie sind ein tabula rasa, können zur Gestaltung ihrer Rolle von keiner Vorgeschichte, von keinen überraschenden Wendungen zehren; in einem äußerst engen Rahmen können sie nur das spielen, was sie letztlich sind: Menschen auf der Flucht respektive Jagd, jeweils gegen einen übermächtigen Gegner, die auf ihre ihnen eigene Art versuchen zu überleben. Es ist dabei logischerweise nicht viel Raum für Charakterkino; umso erstaunlicher ist es, dass man dennoch das Gefühl hat sie zu verstehen. Es herrscht zwischen ihnen und dem Zuschauer eine stille Allianz. Das ist eine starke Leistung.

Ethan und Joel Coen haben keinen Film gedreht, an den man sich wegen seiner Melodien erinnern wird; über weite Strecken ihrer Erzählung schweigt der Score. Auch dies ist sicher ein mutiger Schritt, kann man sich doch einen Kinofilm ohne opulente und die Situationen unterstützende Musik kaum mehr vorstellen. Hier ist der Gegenbeweis: Bei No Country For Old Men ist der einzige Ton oft die vor Spannung knisternde Luft.
Nicht zuletzt ist No Country For Old Men außerdem unscheinbar und bescheiden. Protzerei ist diesem Film fremd, er wirkt beizeiten wie ein Relikt. Nicht ein einziges Mal kommt hier der Verdacht nahe, die Regisseure hätten nur aus Gefälligkeit für das Massenpublikum eine Szene unnötig ausgeschmückt, hinzugefügt oder gar entfernt. Die Coen Brothers sind vielmehr perfekte Dirigenten eines Films, den man nicht guckt sondern erlebt. Ein Erlebnis, das immer noch zu wachsen scheint. Ein Film auch, bei dem selbst lapidar erscheinende Gesten plötzlich zu großer Kunst werden und der Geschichte mit der Zeit nur noch mehr Kraft verleihen. Für den Schreiber dieser Kritik ist jener Kinobesuch daher bei weitem nicht nur ein Gefühl gewesen, sondern mindestens ebenso stark auch ein Zustand.
Ein Zustand, der immer noch ein wenig anhält. Schockstarre eben.

8 Kommentare:
Sehr feine Kritik, der ich zu 99,9% zustimmen kann. Besonder fein gefällt mir Dein Vergleich mit dem Schlachtvieh, der nur konsequent ist. Des Weiteren habe auch ich mich gefühlt, als würde ich jeden der Charaktere verstehen, auch wenn sie oftmals nur kurz auftreten. :-)
Was wäre es denn in einer Punktwertung? Die 10?
Danke.
Und ja, es wäre die 10.
War das mit "keinerlei Spoiler" ironisch gemeint? Den spoilern tust du ja durchaus, vor allem bzgl. Bardems Figur. Natürlich nicht dramatisch, nichts die eigentliche Handlung betreffend, aber dennoch.
Noch eine 10/10? - da bin ich mal gespannt, wie ich selbst ihn finden werde...klasse dass du in deine Rezension einen Vergleich mit Harry Potter eingebunden hast *g*
BTW, mich würde immer noch interessieren, inwiefern Hollywood deiner Meinung nach Ledger gefickt hat ;)
Wow! Nach dieser Kritik muss man den Film ja fast sehen!
Bin jetzt sehr neugierig.
Danke
DAS IST SOOO UNGERECHT!
Warum darf Knurrunkulus den neuen Coen-Film schon vor mir sehen??!! Menno!
Wie ich schon mal auf meinem Blog verlauten ließ, habe ich das Gefühl dass dieser Film das Meisterwerk unseres Jahrzehnts wird, was du ja jetzt bestätigst. Zumindest dafür danke.
Die Kritik ist übrigens ebenfalls ein Meisterwerk. Meinen Respekt!
Wow, ohne Zweifel eine der besten Kritiken, die ich in den letzten Jahren gelesen hab.
Keine Frage: das ist ein Coen-Film, den muss ich sehen. Schön zu wissen, dass sie offenbar von ihrem kurzzeitigen Einschlag ins eher seichte Kino (Ein unmöglicher Härtefall war ja noch sehr gut, Ladykillers fand ich dann doch zu flach) zu ihren Wurzeln zurückzukehren scheinen.
ein generelles danke in die runde für euer mich wirklich leicht überwältigendes lob. freut mich, da die kritik auf kino.de irgendwie gerade eher ein dasein unter ferner liefen fristet und nur ein einsamer mensch kommentierte.
ich habe aber den dringenden rat für euch, ihn in der originalversion zu gucken falls ihr das irgendwie hinkriegen solltet. die synchronstimme von javier bardem im deutschen trailer hört sich schlicht schlimm an.
und das wäre sehr schade drum.
Hab mir den Film vor der Oscar-Verleihung noch angesehen und er war ganz okay - wenn auch etwas langweilig und irgendwie.. na ja belanglos. Muss ich nicht nochmal sehen.
Ich muss aber dazu sagen, ich hab ihn leider in englisch geguckt und dank dem "Cowboy-Englisch" nicht alles verstanden - da sprechen die meisten ja schlimmer als Sawyer in LOST. *g*
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