03 Januar 2008

Shift Happens: Medienkompetenz

Am unteren Ende dieser Ausführungen ist ein Video vorzufinden, welches sich recht interessant, aber sicher in einigen Punkten auch strittig, mit der Welt auseinandersetzt, in der Neugeborene des vergangenen Jahres 2007 und der folgenden Jahre in Zukunft ihr Leben leben müssen. Dabei wird ganz besonders auf den technischen Fortschritt eingegangen, darauf also, dass es völlig unverzichtbar für die heutige und zukünftige Jugend sein wird, sich mit den neuen Medien auszukennen. Das Video kann mit vielen verschiedenen Augen gesehen werden. Ob man sich nun mal richtig vor der Zukunft erschrecken, sich einfach faszinieren lassen oder sich über den Verfall alter Werte und Konventionen aufregen möchte: aus verschiedenen Blickwinkeln ist es möglich, den acht Minuten Material diverse Schwerpunkte zu entnehmen. Man kann sich dem Drang nur schwerlich entziehen. Ein wenig gleicht das alles der unterkühlten Faszination einer Partie Defcon; denn auch das fühlt sich erschreckend und faszinierend zugleich an. Einer der Gründe, aus denen ich nur mal kurz die Demo spielte: es war zu beklemmend.

Zurück aber zu dem Video, welches gerade zum Ende hin gezielt dem Schulsystem eine Frage stellt, die man durchaus mal stellen sollte; nämlich jene, ob im Curriculum denn auch wirklich genügend Themen vorzufinden sind, die auf eine grössere Medienkompetenz zielen. Wenn ich da nach meiner Meinung gefragt werden würde; ich müsste zunächst mal laut lachen. Weil nämlich, bevor man der jungen Generation Medienkompetenz beibringen kann, erst einmal Leute zur Verfügung gestellt werden müssten, die das auch anständig tun können. Ich wage zu behaupten, dass es sich hierbei um zwei Seiten der selben Medaille handelt. Und wenn ich jetzt nicht aufpasse, dann rege ich mich auch bestimmt gleich wieder ganz furchtbar auf. Zum Beispiel über jenes Video. Ein Querschnitt zwar nur, aber in seiner Aussage dennoch deutlich genug, um mich zu erschrecken:




Das sind wohlgemerkt Politiker, nicht einfach nur die Kioskverkäufer von nebenan. Und sie scheinen ja auch durchaus kapiert zu haben, dass auch Politik ohne neue Medien einfach nicht mehr funktionieren kann. Also lassen sie sich Websites entwerfen, an die sie aber selbst lieber keine Hand legen wollen. Immer schön auf Distanz bleiben. Distanz allerdings wahrt man normalerweise nur vor Dingen, die man als suspekt empfindet, Distanz wahrt man vor dem Feind. In seinen unschönen Ecken und dort dann auch in vielerlei Gestalt darf das Internet, darf die Technik, darf all dieser neumodische Kram der nunmal unsere Zukunft ist ja auch gerne als ein suspekter Gegenstand angesehen werden und Vorsicht ist immer besser als Euphorie. Aber um etwas verstehen zu können muss man sich doch wenigstens erstmal dafür interessieren. Die Diplomatie, die in der Außenpolitik nicht mehr wegzudenken ist, scheint vor den neuen Medien halt zu machen. Klärende Gespräche? Um Himmels Willen, nein, wo kämen wir denn da auch hin?

Ich denke um die Ecke. Mag sein. Aber in mir gärt nun auch bereits seit Monaten die Unzufriedenheit darüber, wie wahllos Politiker auch in der Killerspieldebatte ihr Fähnchen nach dem Wind dahergelaufener Experten für Computerspiele drehen, deren tatsächlicher Erfahrungshorizont sich nicht selten auf eine Partie Tetris eingrenzen lässt; die aber ach so viele Informationen haben darüber, wie schlimm und verrohend sie doch sind, diese Spiele. Das Wörtchen diese spricht man bitte schön verachtlich aus, als redete man über einen ganz verabscheuungswürdigen Unmenschen, für den man eh nichts anderes mehr empfindet als Hass, dem man eh nicht mehr verzeiht. Richtigstellungen der Gamer-Szene und schlaghaltige Beweise dafür, dass sich die häufig einseitigen Medienberichte um die Wahrheit nicht ansatzweise scheren: egal.

Wie bin ich hier gelandet? Ach ja, genau: Medienkompetenz. Auch bei Videospielen eben dringend angesagt. Was wurden mir in Spielen schon für tolle Momente, tolle Erzählungen, nahe gehende Charaktere und durchaus tief gehende Themen nahe gebracht; auch in diesen ach so bösen Ego-Shootern. Das ist so gar nicht Thema in dem Video, dass hier eigentlich Thema sein soll; aber ich assoziiere hier halt gerade wild. Ach, und Frau von der Leyen: Das erschreckendste Medium, dass ich je in Händen hielt, war übrigens das Buch "American Psycho". Kein Computerspiel, kein Film. Ein Buch. Als mir dort seitenweise geschildert wurde, wie Patrick Bateman seine Opfer auf brutalste und versessenste Art und Weise zerstückelt, wie er ihre Köpfe an die Wand nagelt, wie er noch weitere Dinge tut, die ich hier nicht wiedergeben will: da wurde mir schlecht. Da dachte ich mir: Wieso darf man das verkaufen? Ja, ich weiß: Es war ja bereits einmal indiziert. Nur seit 2001 halt eben nicht mehr. Und sie würden doch nicht ernsthaft auf die Idee kommen, nun einfach jede Bücher zu indizieren, in denen (zitiert nach der Änderung des Jugendschutzgesetzes für Computerspiele) "Gewalthandlungen wie Mord- und Metzelszenen selbstzweckhaft und detailliert dargestellt werden oder Selbstjustiz als einzig bewährtes Mittel zur Durchsetzung der vermeintlichen Gerechtigkeit nahe gelegt wird". Oder würden sie?

Nicht oft genug sagen kann ich dabei Folgendes: Auch meiner Meinung nach gibt es Spiele, die nicht entwickelt werden sollten. Aber was Politiker und vermeintliche Experten seit nun schon viel zu langer Zeit betreiben ist das Scheren aller Spiele über einen Kamm. Gibt es darin eine Waffe? Dann hat das Spiel schon verloren. Dann ist es längst der Antichrist. Und so ein Verhalten ist nicht akzeptabel, der einfachste Weg aber ist es sicherlich. Vor allem mal die Eltern in die Verantwortung zu nehmen, das wäre ja ein hartes Stück Arbeit. Und da wäre es mit einem Steigern der Medienkompetenz (ergo zu erkennen: was spielt das Kind, was tut es am PC, an der Konsole oder im Internet?) dann auch bei weitem nicht getan. Da müsste man schon tiefer in den Mist greifen, und es würde nicht gefallen was dabei ans Tageslicht kommen könnte. Ganz besonders die Familienpolitik hätte keine ruhige Minute mehr. Der Sicherheit halber: Ich schere hier nicht alle Eltern über einen Kamm. Aber wir alle wissen: Es gibt da draußen Eltern, die sich um die Erziehung ihres Kindes nicht scheren, die es entweder nicht interessiert oder die davon schlicht überfordert sind; und es gibt auch die dazugehörigen Kinder, die dann ungestört schalten und walten können, nicht selten auf der schiefen Bahn.

Aber ich verliere mich hier mehr und mehr. Es gibt nur eine Sache, die ich, bezüglich des gleich folgenden Videos, noch unbedingt loswerden möchte. Da dort nämlich der Fokus derart auf die Technik gelegt wird, dass man sich fragen kann: Und was ist mit sonstigen Aktivitäten? Was ist mit dem Lesen eines Buchs, dem Spielen eines Instruments, den computerfernen Aktivitäten wie beispielsweise Spieleabenden im Freundeskreis? Was ist mit dem Ausüben von Sport, der nicht an der Tastatur stattfindet, was ist mit Freundschaften die Messenger wie ICQ oder solche Plattformen wie myspace und facebook überdauern? Was ist mit all dem?

Ich bin der Meinung, dass man, bei aller Notwendigkeit des Interesses und der Schulung für die neuen Medien, auch ein paar alte Tugenden nicht einfach so unter den Teppich kehren sollte. Ich saß im letzten Jahr zum Beispiel viel zu häufig vor den Weiten des Internet und verlor mich ziellos darin. Ich denke mir gerade jetzt, dass das ein wenig zuviel des Guten war. Und werde diesen Laptop nun ausschalten, mich in eine warme Decke schmiegen und einfach mal wieder was lesen. Ohne Bildschirm. Ohne Messenger im Hintergrund. Ganz für mich. Mal wieder riechen wie Bücher riechen.

Vorher aber versuche ich mich hier noch an einem gescheiten letzten Absatz. Und frage mich, rückblickend, ob zwischen all den Zeilen überhaupt etwas mitgeteilt wurde von Belang. Etwas, was nicht überall sonst eh schon tausende Leute schrieben. Etwas, was schon tausendmal zuvor in Bedeutungslosigkeit verpuffte und auch hier wieder verpuffen wird. Ich suche ein Fazit, einen griffigen Satz, zum Rausschmiss sozusagen nochmal die Essenz. Vielleicht ja so:

Wir leben in einer Welt, die im Wandel ist. Wir müssen neue Konzepte lernen und alte Konzepte dabei nicht vergessen. Vor allem aber müssen wir dem Neuen gegenüber offen sein. Und dann kann immer noch diskutiert werden. Aber eines braucht es: Offenheit. Und Information. Ich hoffe für 2008 auf gute Informierer und offenherzige Zuhörer. Auf eine Chance für einen bisher allzu oft verteufelten Seitenzweig dessen, was die neue Technik mit sich bringt. Und auf mehr Verständnis für das große Ganze.



Shift Happens. Da ist nichts zu machen. Und Feindseligkeit hilft nicht.

7 Kommentare:

Christian hat gesagt…

Wahnsinnig guter Artikel!

Bloß eines stößt mir natürlich wieder sauer auf... eine klitzekleine Kleinigkeit:

"Ja, ich weiß: Es war ja bereits einmal verboten. Nur seit 2001 halt eben nicht mehr."

Nein, war es nicht. Es war indiziert. Und darin liegt ein ganz bedeutender Unterschied zum Verbot. Ich halte es nach wie vor wichtig, dass, will man ernsthaft zu so einem Thema aufklären, Diskussionen anregen, whatever, man ebenso die Begrifflichkeiten verinnerlicht haben und diese zu unterscheiden wissen sollte.

Trotzdem find ich den Text so gut, dass ich ihn gerne als Kolumne bei Gameparents veröffentlichen würde. Darf ich?

Knurrunkulus hat gesagt…

Danke für deinen Hinweis auf die Begrifflichkeit. Den machst du natürlich vollkommen zurecht; ich habe den Artikel an den entsprechenden Stellen dementsprechend umformuliert.

Dein Lob freut mich außerordentlich und eine Veröffentlichung bei Gameparents als Kolumne würde mich ebenso hoch erfreuen.

Christian hat gesagt…

Danke! Ist veröffentlicht. Hab eine kleine Einleitung verfasst. Hoffe, die ist in Deinem Sinne. Falls nicht, schreib ichs gerne nochmal um.

Herr Kaliban hat gesagt…

langer blogbeirag. hat sich aber zu lesen gelohnt.

SirDregan hat gesagt…

Sehr guter Artikel. Aber ja, leider hast du Recht wenn du vom "in Bedeutungslosigkeit verpuffen" sprichst. Denn welcher Mensch der so einen Artikel echt nötig hätte, den man wirklich aufklären müsste, also welche uninformierten Eltern, Lehrer, Politiker lesen unsere Blogs?
Ich meine das genau hierin unser Problem liegt. Eine Brücke zwischen der jüngeren und älteren Generation zu schaffen, dort, wo es wichtig ist. Nämlich um aufzuklären, Vorurteile abzubauen und einen fairen Diskurs zu schaffen.
Aber was meinst du, wie ist das möglich?

Knurrunkulus hat gesagt…

herr kaliban, danke fürs lesen.

SirDregan, herzlich willkommen in meinem Blog und danke für das Lob. Nun zu deiner Frage: Die stelle ich mir auch seit sehr langer Zeit und deine erneute Nachfrage hat mich jetzt endgültig dazu bewogen, dazu bald mal einen längeren Artikel zu schreiben. Ursprünglich hätte ich das gerne direkt heute tun wollen, aber ich will mir doch mehr Zeit dafür nehmen, ausreichend Recherche betreiben, meine Gedanken sortieren. Würde mich also freuen, wenn du einfach dranbleibst und hier öfters mal vorbeischaust. Wenn alles so klappt wie geplant dürfte innerhalb dieser woche der Beitrag noch online gehen.
Und ja, genau diese Brücke die du ansprichst: genau die müssen wir irgendwie bauen.

SirDregan hat gesagt…

Das ist schön zu hören. Ich bin sehr gespannt auf deinen Artikel. Hab dich jetzt auch mal in meine Blogroll aufgenommen, da ich mich hier auch sehr wohl fühle :)