01 August 2010

No Fuck Yous

Wenn ich hier jetzt über mein bisher liebstes Album des Jahres schreibe, dann heisst das vielleicht nicht viel, da mein bisheriger Überblick über das Albenjahr 2010 mit Sicherheit alles andere als flächendeckend ist. Andererseits heisst es aber auch doch wieder eine ganze Menge, wenn es innerhalb von fünfzehn Minuten drei Songs eines ehemaligen britischen Skandalrappers schaffen, meine Gehörgänge im Sturm zu erobern und mich zum Spontankauf des gesamtem Albums bringen. Besagter Rapper heißt Ben Drews aka Plan B. Besagtes Album: The Defamation of Strickland Banks. In dessen Booklet steht auf der letzten Seite über den Danksagungen: HA HA, NO FUCK YOUS ONLY THANK YOUS. Und wenn man die Vorgeschichte von Ben Drews kennt, wird man darüber unweigerlich ein ganzes bißchen schmunzeln müssen. Musste er beim Schreiben sicher auch.

Von Plan B's 2006er-Debütalbum Who needs actions when you got words war seinerzeit ein gewisser David Cameron überhaupt nicht begeistert. Was da gerappt wurde, war äußerst explizit, handelte von einer harten Jugend in einem Londoner Vorort und war, wie Ben Drews kürzlich in einem sehr lesenswerten und vor allem verdammt ehrlich wirkenden Interview mit SpON verraten hat, autobiographisch geprägt. Aber dass er damals in einem Song namens Charmaine über den fantastischen Sex mit einem Mädchen gesungen hat, dass sich am Ende des Songs zu seiner Überraschung als erst 14-jährig herausstellt (ich kenne nicht das ganze Album, aber es dürfte einer der harmloseren Songs sein), wirkt im Nachhinein eh nur wie eine kleine Fußnote. Denn seit 2006 ist viel geschehen im Staate England. Und Ben Drews macht jetzt nicht mehr provozierenden Rap, sondern begeisternde Soulmusik. Nicht wie jemand, der gern mal Soulmusik ausprobieren möchte, sondern wie jemand, der nie etwas anderes in seinem Leben gemacht hat.

Ben Drews jedoch schmeisst den Rap dabei nicht weg wie etwas, für was er sich im Nachhinein irgendwie schämen würde. Er steht zu seiner Vergangenheit, auch zu seinen Fehlern, redet in Interviews offen darüber, dass er gerade noch auf Bewährung ist, aber wirklich friedlich geworden sei. Er habe dafür auch einen Kurs zum Umgang mit Agressionen besucht, seitdem sei alles besser. Man muss sich beim Hören seiner Musik nicht lange fragen, über welchen Kanal er all das, was ihn bedrückt, stattdessen nach draußen lässt. Wenn Ben Drews in seinen Soul-Songs zwischendrin zum Rap ansetzt, dann ist das wie wenn jemand Dampf ablässt. In wohl keinem seiner Songs wird das so deutlich wie in Stay Too Long, in dem er sein Alter Ego, den fiktiven Soul-Sänger Strickland Banks, davon erzählen lässt, wie dieser auf Parties generell zu spät bleibt und das immer zu Ärger führt. Gen Ende des Songs, im absoluten Rausch ("I'm feeling so fucking good right now I want it to last") schleppt er schließlich einen Groupie ab, geht schon auf der Rückbank des Taxis auf Tuchfühlung und wir alle wissen, womit dieser Song enden wird. Strickland Banks weiß es auch. Aber: "Do i care? Do I fuck! I'm on a roll, yeah!"



Was es mit diesem Strickland Banks nun eigentlich auf sich hat? Er steht für etwas, dass Ben Drews laut seiner Plattenfirma nicht allzulaut bewerben sollte, da es Hörer gerne mal abschrecken würde: The Defamation of Strickland Banks ist ein Konzeptalbum, wie es im Buche steht. Strickland Banks, bekannter Soulmusiker, tritt in einem Club auf (Love Goes Down), denkt danach über die erkaltende Beziehung mit seiner Freundin nach (Writing's on The Wall), initiiert auf der Aftershow-Party schließlich den weiter oben skizzierten One-Night-Stand (Stay Too Long) und steht kurz darauf, unschuldig der Vergewaltigung angeklagt, vor Gericht (She Said). Es geht in den Knast (Welcome To Hell, Hard Times), wo er zunächst lieber nicht aus seiner Zelle geht, um Ärger zu vermeiden. In einem Lied mit Funk-Geigen. FUNK-GEIGEN. Und einer astreinen Rap-Einlage. (The Recluse). Schließlich aber besorgt er sich für ein paar Zigaretten eine Waffe (Traded In My Cigarettes) und tötet damit in Notwehr einen anderen Insassen. Er fleht Gott um Vergebung an (Prayin'), zweifelt aber kurz danach aufgrund nicht eintretender göttlicher Hilfe (Darkest Place). Dann aber kommt er doch frei (Free) und denkt über seine Fehler und den Zusammenbruch seiner Beziehung nach (I Know A Song). Schließlich muss er sich zu einer Neuverhandlung im Gerichtssaal einfinden (What You Gonna Do). Das Ende dieser Verhandlung, während der Soul und Rap mit einer solchen Wucht aufeinandertreffen als wären sie nie zuvor zwei voneinander getrennte Musikstile gewesen, bleibt offen.

Weniger offen bleibt, wie es mit Ben Drews aka Plan B weitergehen wird: nämlich ganz offensichtlich steil nach oben. In England wird er bereits als männliche Amy Winehouse gehandelt (und nimmt sich ihren Absturz hoffentlich nicht zum Vorbild) und das Album stieg auf Anhieb auf die Pole Position der Charts. Und auch in Deutschland läuft die Singleauskopplung She Said auf Viva und MTV in akuter Dauerschleife. Augenzeugenbericht zufolge (immer, wenn ich da einschalte, läuft nämlich nur Reality-Doku-Dating-Mist mit sehr vielen dummen Menschen, die, wenn weiblich, oft unnatürlich große Oberweite haben).



Ben Drews wiederum möchte sich auf seinem nächsten Album gerne dem Reggae widmen. Soul war einmal und: Man soll ja schließlich aufhören, wenn's am schönsten ist. Und ja, durchaus: "am schönsten" ist eine Bezeichnung, die ich für The Defamation of Strickland Banks gerne durchgehen lasse. Bitte legt etwaige Rap-Berührungsängste ab. Soul und Rap haben ein Wunderkind gezeugt. Hier ist es. Und manchmal flucht es ein bißchen.

2 Kommentare:

Dom hat gesagt…

Du hast grad eine schwierige Zeit! Das geht vorbei... ;)

Knurrunkulus hat gesagt…

Moment mal, disst du etwa gerade meinen unfehlbaren Musikgeschmack? Also jetzt mal ehrlich: Wenn man von SHE SAID keinen Ohrwurm kriegt, dann hat man wahrscheinlich Gehörgänge aus Kruppstahl. Oder so.